Das Stockholm-Syndrom einer Gesellschaft

10 Dec 17
Benjamin Zumbühl

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Unser Vorstandsmitglied Benjamin Zumbühl hat sich Gedanken gemacht, weshalb wohl die politische Schweiz, aber auch die Gesellschaft, dermassen gelassen mit dem vorsätzlichen Dieselbetrug von VW und Co. umgehen.

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Durch mutwillige Manipulation von Dieselmotoren werden jährlich mindestens 4,6 Millionen Tonnen giftiges Stickoxid ausgestossen, wie ein internationales Forscherteam kürzlich bekannt gab. Dieser technisch durchaus vermeidbare Ausstoss führt weltweit zu mindestens 38’000 frühzeitigen Todesfällen. Wenn die seit 2015 gültige Abgasnorm Euro 6 konsequent eingehalten würde, könnten die globalen NOx-Emissionen bis 2040 um 80 bis 90 Prozent reduziert werden, wodurch sich 100’000 frühzeitige Todesfälle vermeiden liessen.

Diese Zahlen sind schockierend – doch schockiert ist nahezu niemand. Der Dieselbetrug sticht ein wenig in die Nase, die Gemüter aber erhitzt er nicht. Er schürt keine Angst wie die Rinderseuche BSE oder die SARS-Pandemie mit ihren knapp tausend Todesopfern. Die Bevölkerung, oder wenigstens grosse Teile davon, trägt den Skandal mit Fassung. Und das, obwohl man mit der Volkswagen AG einen Schuldigen hat, an dem sich der Volkszorn entladen könnte. Einen Übeltäter, der sich trotz Schuldeingeständnis hartnäckig weigert, den angerichteten Schaden zu beheben.

Überraschenderweise blieb der Zorn aber aus. Der Aufschrei, falls es einen solchen jemals gab, war so schnell verhallt, dass sich die Behörden zu keinen nennenswerten Handlungen veranlasst sahen. Auch in der Politik, wo man eine hitzige Debatte erwartet hätte, ist der Dieselbetrug nur eine Randnotiz.

Wie ist das möglich? Weshalb versagt der Rechtsstaat und erlaubt es Grosskonzernen, sich über das Gesetz zu erheben? Dieser Frage will ich hier nachgehen.

Es gibt kein Entkommen

Der Dieselskandal und die SARS-Pandemie unterscheiden sich in einem ganz entscheidenden Punkt: Der exotische Krankheitserreger aus dem fernen Hong Kong war eine Gefahr von aussen, die mit entschlossenen Massnahmen an der Grenze aufgehalten werden konnte. Es bestand zwar Grund zur Sorge, aber gleichzeitig auch zur Hoffnung, vom tödlichen Virus verschont zu bleiben.

Der Dieselbetrug ist das exakte Gegenteil: Giftige Abgase sind eine Gefahr von innen, die uns tagtäglich umgibt, und immer schon umgeben hat. Vor Abgasen gibt es kein Entrinnen. Wir haben gelernt, damit zu leben – und zu sterben. Ein altes Auto, dessen Gestank man immer noch riecht, wenn es schon lange ausser Sicht ist, alarmiert uns nicht wirklich. Eher versetzt es uns gedanklich zurück in eine Zeit, in der Väter salopp Zigaretten unter die Schnäuze steckten, Mütter Jeans mit hohen Bünden trugen und Sicherheitsgurten als Bevormundung des Bürgers durch den Staat angesehen wurden. Eine positive Assoziation eigentlich, fatalerweise.

Nun mag es Menschen geben, denen schon nur bei der Vorstellung einer unbekannten, ausländischen Speise angst und bange wird, und die den vertrauten Geruch giftiger Gase jederzeit einem exotischen Virus vorziehen würden, ungeachtet der Wahrscheinlichkeit, dadurch zu Schaden zu kommen. Sie empören sich nicht, weil es ihre Eltern und Grosseltern auch nicht getan haben, und damit ja eigentlich gar nicht so schlecht gelebt haben. Was früher unvermeidbar war, wird auch heute noch als unvermeidbar akzeptiert und der technische Fortschritt geflissentlich ignoriert.

Vielleicht greift dieser trivialpsychologische Erklärungsversuch zu kurz – vielleicht muss ich den Bogen weiter spannen, um der Sache auf den Grund zu kommen.

Ein Erfolgsmodell mit Ablaufdatum

Der wirtschaftliche Aufstieg der ersten Welt ist untrennbar verbunden mit gravierender Umweltzerstörung und der systematischen Ausbeutung von Menschen. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit der Schweiz sind der Bau des Gotthardtunnels unter sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen und die Umweltkatastrophe von Schweizerhalle. Oder die aus heutiger Sicht desaströsen Sondermülldeponien von Kölliken und Bonfol, welche sorglos und im Einklang mit den damaligen Gepflogenheiten angelegt wurden. Das Wirtschaftsmodell, das diese unrühmlichen Kapitel unserer Geschichte zu verantworten hat, war aber durchaus erfolgreich. So sehr sogar, dass es von aufstrebenden Ländern wie China nahezu eins zu eins übernommen und mit absoluter Effizienz angewandt wurde. Für seinen beispiellosen Aufschwung bezahlt das Reich der Mitte aber einen hohen Preis: Smog ist mittlerweile die vierthäufigste Todesursache, 60% des Grundwassers sind zu stark verschmutzt zum trinken und bis zu 70% der Äcker sind verseucht.

Zwar hat bei uns ein zaghaftes Umdenken begonnen, und der Raubbau an Mensch und Umwelt ist heute nicht mehr in dem Ausmass möglich wie früher. Aber von Nachhaltigkeit sind wir immer noch weit entfernt. Wir haben die Zielkonflikte von Wirtschaft und Umwelt zwar erkannt, und darum gewisse Branchen kurzerhand nach Fernost ausgelagert. Die Bereitschaft, die Interessen der Wirtschaft an oberste Stelle zu setzen, haben wir aber nicht gänzlich aufgegeben.

Das gegenwärtige Verhältnis der Gesellschaft zur Wirtschaft trägt Züge des Stockholm-Syndroms: Die Opfer einer Entführung beginnen sich unterbewusst mit den Zielen der Geiselnehmer zu identifizieren in der verzweifelten Hoffnung, so die Tragödie abwenden zu können. Sie glauben, ihre Komplizenschaft mit den Tätern mache das Unrecht ungeschehen, das ihnen angetan wird. Die Gesellschaft findet sich in der Rolle der Geiseln wieder, wenn sie es zulässt oder sogar gutheisst, dass die Wirtschaft in der Rolle der Geiselnehmer jene Gesetze bricht, die von der Gesellschaft selbst aufgestellt wurden. So glauben viele Verlierer des Dieselbetrugs, zu den Gewinnern gehören zu können, wenn sie die Interessen der Autoindustrie über ihre eigenen stellen. Ganz so, als wären ihnen satte Dividenden für die Aktionäre von Autokonzernen wichtiger als die Gesundheit ihrer eigenen Kinder.

Der Wettlauf nach unten

Der Wohlstand und die Wirtschaftsleistung eines Landes werden nicht mit absoluten Zahlen bewertet. Vielmehr werden sie im Vergleich mit allen Ländern dieser Welt in eine Rangordnung gebracht. Ziel eines jeden Landes muss es gemäss verbreiteter Wirtschaftslogik sein, diese Rangliste anzuführen, oder sich doch wenigstens ganz weit vorne einzureihen. Das Ganze gleicht einem endlosen Rundkursrennen der Volkswirtschaften. In der Hitze des Gefechts sind wir bereit, enorme Opfer zu bringen, bloss um ein paar Runden lang vorne mitzufahren. Doch in einem Wettkampf ohne Ende winken weder Ruhm und Ehre, noch ein üppiges Preisgeld. Wenn Durchhalten alles entscheidend ist, muss die Strategie eine der Nachhaltigkeit sein. Der Vorteil, den man sich verschafft, wenn man die Abgasreinigung des Rennwagens ausschaltet, wird nicht belohnt, wenn es nichts zu gewinnen gibt. Im Gegenteil, wer ohne Rücksicht auf Verluste immer im roten Bereich fährt, wird früher oder später zurückfallen oder ganz ausscheiden.

Und im roten Bereich fahren seit jeher alle. Das Rennen droht sich als das Trauerspiel zu entpuppen, das es von Anfang an immer schon war: Ein Race To The Bottom mit gleich vielen Verlierern wie Teilnehmern.

Ein Grund zur Hoffnung

Nach all der Schwarzmalerei ist jetzt endlich der Moment gekommen für einen Hoffnungsschimmer. Denn ganz so aussichtslos, wie ich die Situation dargestellt habe, ist sie zum Glück nicht. Früher war nicht alles besser und viele Bereiche wandeln sich zum Guten. Dass Veränderung möglich ist, zeigen Beispiele wie diese eindrücklich: Während der alte Gotthardtunnel ein menschenrechtliches Desaster war, bei dem auf streikende Arbeiter geschossen wurde, gilt der neue Gotthard-Basistunnel als Vorzeigeprojekt. Gewässerschutzmassnahmen haben den Rhein mittlerweile wieder so weit aufgewertet, dass erstmals seit den 50er Jahren ein Lachs in Basel gesichtet wurde. Und auch die Luftqualität ist dank Katalysatoren und strengeren Abgasnormen für Ölheizungen besser geworden.

Was all diese Veränderungen gemeinsam haben, sind Menschen, die sich gegen Resignation entschieden haben. Menschen, die sich engagieren für eine lebenswerte Zukunft. Menschen, die das Stockholm-Syndrom abschütteln aus Respekt vor den zukünftigen Zweigen ihres Stammbaumes.

In diesem Sinne möchte ich hier mit einer Aufforderung schliessen:

Leute, empört euch! Erhebt eure Stimmen für eine zukunftsfähige Wirtschaft, für eine gerechte Gesellschaft, für den Erhalt der Umwelt! Wenn nicht für euch selbst, dann doch wenigstens für alle, die nach uns diesen wunderbaren Planeten bewohnen werden!

Um zum Dieselbetrug zurückzukommen: Ich habe selbst auf act.campax.org diese Petition gegen den Dieselbetrug gestartet. Unterzeichne jetzt die Petition und fordere Doris Leuthard zum entschlossenen Handeln auf:

 

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