Wie der Umzug in die Schweiz mich zu einer besseren Feministin machte

Bild Grok Nation
7 Feb 19

Unser Vorstandsmitglied Alexandra Felder Dufresne hat für den Blog von Mayim Bialik (Amy aus The Big Bang Theory) einen Beitrag zur Situation der Frauen in der Schweiz verfasst. 

Wie der Umzug in die Schweiz mich zu einer besseren Feministin machte

Das Leben im Ausland ermöglichte es einer Frau zu sehen, wie sehr sie vom Feminismus profitiert hat.

Dies ist eine Geschichte darüber, wie ich zu spät zur Party gekommen bin.

In meinen ersten 43 Jahren habe ich dem Feminismus nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Während ich die Bewegung als abstrakt einschätzte, war ich mehr um die Gerechtigkeit für Kinder und Einwanderer besorgt als um die Rechte der Frauen an sich. Wenn dies nach einer Haltung klingt, die aus Privilegien geboren wurde, dann deshalb, weil sie es ist.

Das änderte sich 2016, als meine Familie in die Schweiz zog.

Von Anfang an berichteten mir Freundinnen in der Schweiz über Erfahrungen mit Geschlechterdiskriminierung, zum Beispiel wie sie nach der Rückkehr aus dem Mutterschaftsurlaub am Arbeitsplatz gemobbt oder zurückgestuft worden waren. Und dann erlebte ich zum ersten Mal in meinem Leben selbst Sexismus. Was ich ertragen musste, war subtil, bescheiden und alltäglich. Aber für mich - jemand, für den "die Leistungsgesellschaft" immer funktioniert hatte - war es erschütternd.

Mein erster Gedanke, nachdem ich den ersten Kummer überwunden hatte, war: "Oh, also das ist es, was die Leute meinten."  Plötzlich machten die Geschichten, die ich von Frauen in beiden Ländern gehört hatte, vollkommen Sinn, genauso wie meine Reaktion aus dem Lehrbuch: Selbstvorwürfe, Verleugnung, Überraschung, Scham, Empörung und mehr Scham. Plötzlich wurde mir klar, wie privilegiert ich war, so lange ahnungslos gewesen zu sein.

Warte mal, in der Schweiz?

Nach aussen präsentiert sich die Schweiz mit einem modernen Erscheinungsbild: exzellenter öffentlicher Verkehr, modernste wissenschaftliche Forschung, hochwertige Medien, aussergewöhnlicher Wohlstand und eine gut ausgebildete und mehrsprachige Bevölkerung. So wie viele Neuankömmlinge wurde ich vom Ausmass des vorherrschenden Sexismus überrascht.

Ich kann förmlich spüren, wie einige meiner Schweizer Bekanntschaften etwa jetzt in die Defensive gehen, also lasst mich an dieser Stelle folgendes klarstellen: Gemäss einigen Umfragen steht die Schweiz in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter besser da als die USA, während in anderen Umfragen die USA vorne liegt. Drei Frauen, alle ohne Kinder, sind heute im siebenköpfigen Bundesrat (der Exekutive) tätig, was eine enorme Leistung ist, zumal die Schweiz den Frauen erst 1971 das Wahlrecht eingeräumt hat. In der Schweiz gibt es viele starke Feministinnen, die #MeToo-Kampagnen, Streiks für Lohngleichheit und Bewegungen gegen geschlechtsspezifische Gewalt führen. Die Mehrheit der mir bekannten Schweizer Männer, darunter viele sehr hilfsbereite männliche Kollegen, engagiert sich für die Gleichstellung der Geschlechter. Ich bin nicht daran interessiert, die Frage zu diskutieren, ob die USA oder die Schweiz ungleicher sind, denn die Frage ist weitgehend unbeantwortbar. Es kommt darauf an, was man genau misst und für wen.

Aber es gibt in der Schweiz unbestreitbar einen Anachronismus, also eine strikte Aufteilung der Geschlechterrollen zwischen Vätern und Müttern. Viele öffentliche Schulen schliessen mittags, damit die Kinder zum Mittagessen nach Hause gehen können; Kinder im Grundschulalter haben oft einen oder zwei Nachmittage frei. (Die freien Tage variieren oft je nach Schulstufe, so dass meine drei Kinder in unserem ersten Jahr hier vier Nachmittage frei hatten). Dementsprechend ist die überwiegende Mehrheit der Mütter Teilzeit beschäftigt. Nach Angaben aus dem Jahr 2015 arbeiten nur etwa 14 Prozent der Mütter mit Partner und Kindern unter sechs Jahren Vollzeit (definiert als 90-100 Prozent). Darüber hinaus neigen Mütter mit Partner auch nicht dazu, mit zunehmendem Alter ihrer Kinder wieder in die Vollzeitarbeit zurückzukehren; weniger als 20 Prozent der Frauen mit Kindern zwischen 15 und 24 Jahren arbeiten Vollzeit.

Im Gegensatz zu den USA, wo Teilzeitarbeit manchmal noch erhebliche Führungschancen mit sich bringen kann, gehen Arbeitgeber in der Schweiz oft davon aus, dass Frauen, die weniger als 100 Prozent arbeiten, keine Führungspositionen übernehmen wollen, die zusätzliche Verantwortung, Reisen oder Stress erfordern. Der Glaube, dass die Mutterschaft die oberste Priorität einer Frau ist, ist so tief verwurzelt, dass Frauen oft Führungsfunktionen, die sie lange ausgeübt hatten,  verlieren, wenn sie aus dem Mutterschaftsurlaub zurückkehren, ob sie nun kürzer treten wollen oder nicht.

Mütter, die darauf bestehen, dass sie ernsthafte berufliche Ambitionen haben, stehen vor einer Reihe von expliziten und unbewussten Stereotypen und Vorurteilen gegenüber. Sie können als arrogant, aufdringlich oder merkwürdig angesehen werden - Qualitäten, die in der Schweizer Kultur nicht gern gesehen sind. Es ist nicht ungewöhnlich dass Frauen mit Kindern gefragt werden, warum sie Vollzeit oder überhaupt arbeiten gehen wollen, zumal viele Arbeitsplätze, die Männer innehaben, gut genug bezahlt werden, um eine ganze Familie zu versorgen. (Ein Nachbar fragte vor kurzem meinen Mann warum ich arbeiten möchte, obwohl ich drei Kinder habe; als ich mich für einen intensiven Deutschkurs anmeldete, fragte mich die Sekretärin ob ich sicher sei, dass das mit ich mit drei Kindern schaffe; nach einer Schulkonferenz wünschte der Direktor der Schule meines Sohnes meinem Mann, der an der Universität unterrichtet, einen guten Tag bei der Arbeit und mir, die ich an der Universität unterrichte, einen guten Tag "mit den Kindern". (Es sei darauf hingewiesen, dass alle drei wirklich freundlich waren). Die Annahme ist, dass eine Mutter, wenn sie in einer wichtigen Position einen guten Job macht, sie nicht so gut in ihrem Job als Mutter ist; einer Mutter mehr Verantwortung bei der Arbeit zu geben, wird oft als gefährlich für ihr Familienleben angesehen.

Daher ist die "Wahl" zwischen Kindern oder einer hochkarätigen Karriere eine Entscheidung, zu der viele Schweizer Frauen - aber nicht Schweizer Männer - gezwungen sind. Als zum Beispiel vor kurzem zwei weitere Frauen in den Bundesrat gewählt wurden (Frauen besetzen heute drei der sieben Sitze), haben alle drei in einem Interview mit der Presse bereitwillig anerkannt, dass sie wahrscheinlich nicht so weit gekommen wären, wenn sie Kinder gehabt hätten. Nur sehr wenige Professoren an den besten Schweizer Universitäten und nur sehr wenige CEOs oder Führungskräfte in der Privatwirtschaft sind Mütter. Tatsächlich sind in der Schweiz nur 14-16 Prozent der oberen Führungskräfte und Verwaltungsräte Frauen. Im Jahr 2016 waren nur 6 Prozent der leitenden Verwaltungsratsmitglieder von Schweizer Unternehmen Frauen. (Daten über welche Prozentsatz Frauen mit Kindern sind, sind nicht verfügbar). Im Gegensatz dazu sind Führungspositionen in der Schweiz von Vätern besetzt.

Gespräche: gute und schlechte

Hinter verschlossenen Türen haben mir viele Schweizerinnen gesagt, dass sich meine Erfahrung exakt in ihren eigenen widerspiegelt. Einige haben mir gesagt: "Bitte sprich weiter darüber, da du als Außenseiter Dinge sagen kannst, die wir nicht können." Aus Freundlichkeit haben andere gesagt: "Ja, das ist mir passiert. Aber du kannst es dir nicht leisten, als schwierig bezeichnet zu werden: keine Vorstösse mehr, sei einfach ein wenig still.“

Einige reden das Ausmaß des Problems klein. Eine erfolgreiche Frau ohne Kinder erklärte mir, dass die Schweiz "nicht sexistisch, sondern nur traditionell" ist - als ob die Diskriminierung von Frauen in der gleichen Verhaltenskategorie wäre wie Jodeln oder Käsen. Andere argumentieren - offenbar ohne Ironie - die Tatsache, dass Frauen ohne Kinder oft erfolgreich sind, bedeute, dass die Schweiz den Sexismus überwunden hat. (Und natürlich sind auch in der Schweiz einige Frauen mit Kindern sehr erfolgreich, die Frage ist aber, ob sie die Ausnahme sind, die die Regel beweist.) Wieder andere stellen fest, dass ein gewisses Verhalten nicht wirklich sexistisch ist, weil es nicht absichtlich ist oder weil es von mehreren Faktoren beeinflusst wird. Natürlich sind auch andere Faktoren relevant und natürlich wollen die Menschen in der Regel nicht sexistisch sein! Die relevante Frage ist nicht: "Ist absichtlicher Sexismus der einzige Grund, warum das passiert?", sondern vielmehr: "Würde das einem Mann passieren?"

Und einige Gespräche sind schrecklich schief gelaufen. Leute, die ich respektiere, denken einfach völlig anders wie ich. Während mein Denken sagt: "Geschlechterdiskriminierung ist kostspielig und ineffizient; wir müssen über diese Themen sprechen und der Zeit voraus sein, damit wir alle produktiver sind", sagt ihr Denken: "Vermeide Konflikte und halte den Status quo um jeden Preis aufrecht; wir sind bei weitem produktiv genug so wie wir sind, und Sie sind übrigens sehr kompliziert“. Das Problem, wird mir zu verstehen gegeben, ist nicht der zugrundeliegende Sexismus, sondern dass ich offen darüber spreche.

Und jetzt?

An schlechten Tagen denke ich darüber nach, den „Sei still“ - Rat anzunehmen. Würde ich vor die Wahl gestellt werden, lieber gefürchtet oder gemocht zu sein, würde ich ich lieber gemocht werden. Und als Neuankömmling in einem anderen Land - in einem, das aus historischen Gründen Wert auf Höflichkeit, Vorhersehbarkeit und Konfliktvermeidung legt - ist der Wunsch zu gefallen, eben nicht die "hässliche Amerikanerin“ zu sein, manchmal überwältigend.

Aber dann erinnere ich mich an die Generationen von Frauen, denen viel Schlimmeres passiert ist als nur nicht gemocht zu werden. Ich denke an meine Kunden, die Herausforderungen gemeistert haben die ich mir nicht einmal vorstellen kann. Und ich sage mir, dass es Zeit ist, endlich meine Rolle als erwachsene und emanzipierte Frau auszufüllen.

Und so lerne ich, meine Rolle als "komplizierte Frau" zu akzeptieren. Ich organisiere, marschiere, sammle Geld, arbeite mit NGOs, forsche, lehre, schreibe, rede mit Reportern und ermutige andere Frauen, sich zu äußern. Ich habe schwierige Gespräche mit Menschen, die ich mag; ich riskiere, gefürchtet, aber unbeliebt zu werden. Vor allem wenn andere Menschen Geschichten über die Diskriminierung erzählen die sie erlebt haben, höre ich zu.  

An alle die sich seit langem mit diesen Themen beschäftigen, es tut mir sehr leid, dass ich so spät zu dieser Party komme. Danke für Ihre Geduld. Nun, wie kann ich helfen?

 

Originalbeitrag in Englisch zu finden auf 

https://groknation.com/culture/switzerland-being-feminist