Männer, wir müssen reden...

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23 Nov 18
Benjamin Zumbühl

Die internationale Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» legt den Fokus dieses Jahr auf den Zusammenhang von Männlichkeitsvorstellungen und Gewalt. Campax-Vorstandsmitglied Ben sieht einen Ausweg aus toxischer Männlichkeit, der Chancen bietet: Männliche Emanzipation. Die Befreiung des Mannes aus patriarchalischen Gesellschaftsnormen soll Alternativen zu Gewalt bieten.

Männer, wir müssen reden. Nein, nicht über Fussball und Motorräder. Auch nicht über Craft-Bier und Gesichtshaar-Frisuren. Wir müssen über Männlichkeit reden, darüber, was sie für uns bedeutet und welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft hat. Mehr noch: Wir müssen darüber reden, wer wir eigentlich sein wollen. Ich verspreche euch, das ist genauso spannend wie es klingt – aber verdammt schwierig. Verunsicherung ist garantiert, und wenn euer männliches Selbstvertrauen an einem seidenen Faden hängt, dann geht ihr jetzt besser eine Axt schärfen, als weiterzulesen.

Anlass zur Diskussion gibt die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Sie thematisiert jedes Jahr einen anderen Aspekt, dieses Jahr beleuchtet sie Männlichkeitsvorstellungen und Gewalt.

Unzählige Statistiken zeigen klar auf, dass die meisten Gewalttaten von Männern verübt werden. Gleichzeitig sind die Opfer schwerer Gewaltverbrechen mehrheitlich weiblich.1 Auch Gewaltanwendung gegen sich selbst kommt häufiger bei Männern vor. So ist die Suizidrate der Schweizer Männer rund dreimal so hoch wie die der Frauen.2 Das sollte uns zu denken geben, und zwar an mehr als sechzehn Tagen im Jahr.

 

«Es ist nicht unsere Männlichkeit, die uns auszeichnet. Es ist unsere Menschlichkeit.»

 

Der grösste Teil männlicher Gewalt lässt sich nicht biologisch erklären. Vielmehr ist Gewalt die Folge von Männlichkeitsbildern, die auf Dominanz, Wettbewerb und Unverletzlichkeit aufbauen. Schon Jungen werden in diese Schablone gepresst («Sei keine Heulsuse!», «Ein Indianer kennt keinen Schmerz.» etc.), was sie emotional verkümmern lässt und einen gewaltfreien Umgang mit Frust und Aggression erschwert. Gewalt ist, nebst der Durchsetzung von Machtansprüchen, oft auch Ausdruck von emotionaler Überforderung.

Da diese Männlichkeitsvorstellungen keine natürliche Berechtigung haben und von der Gesellschaft rein willkürlich aufgestellt werden, ist es auch an der Gesellschaft, sie zu hinterfragen – zum Schutz von Frauen und Männern gleichermassen.

Da du bis hier gelesen hast, pflegst du vermutlich einen respektvollen Umgang mit Frauen und #metoo richtet sich vermutlich nicht an dich. Trotzdem sollte dir das Thema nicht egal sein, denn die Gewalttäter werden nicht diejenigen sein, die positive gesellschaftliche Veränderungen bewirken. Die Gesellschaft als Ganzes – Männer wie auch Frauen – muss aufhören, toxische Männlichkeit zu fördern und oft auch zu belohnen. Doch welche alternativen Männlichkeitsbilder gibt es denn eigentlich?

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Jetzt wird’s spannend: Was macht also einen Mann aus, wenn nicht das Saufen und Raufen? Muss Mann ein ehrgeiziger, dominanter Macker sein, der sich immerzu beweisen muss? Ich finde nein. Gibt es Männlichkeit jenseits des schmalen emotionalen Spektrums zwischen Pokerface und Torjubel? Ich finde ja. Aber diese Fragen muss jeder für sich selbst beantworten. Es ist weder meine Aufgabe noch die einer egalitären, liberalen Gesellschaft, ihren Mitgliedern aufgrund des Geschlechts irgendwelche Rollen oder Verhaltensweisen vorzuschreiben. Umgekehrt müssen wir nicht akzeptieren, dass starre gesellschaftliche Normen unserem Glück im Weg stehen. Jeder Mann (und natürlich auch jede Frau) hat ein Anrecht auf die ganze Palette an Möglichkeiten, auf die ganze Bandbreite der Emotionen. Um diese Möglichkeiten nutzen zu können, müssen sich Männer aber emanzipieren.

Und jetzt kommt das Beste: Männliche Emanzipation bietet endlose neue Möglichkeiten und sprengt die Ketten verkrusteter Männlichkeitsvorstellungen, an denen Männer und Frauen zerbrechen. Lass uns also den Patriarchen in uns zu Grabe tragen, ohne auch nur ein einziges Mal zurückzublicken! Los, Mann, befreie dich und lass den Paradiesvogel in dir fliegen, lass den Baggerfahrer fahren – gleichzeitig, abwechslungsweise, wie auch immer, alles ist möglich! Sei eine Homo, ein Hetero, eine Heulsuse, ein harter Hund! Sei vielschichtig und widersprüchlich, egal, sei einfach wie du bist. Aber sei kein Egoist.

Wer sich für «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» interessiert, findet hier das ganze Programm.

Wem das ganze Gerede über Männlichkeit zu blöd ist, darf gerne auch einfach mal Mensch sein. Denn schlussendlich ist es nicht unsere Männlichkeit, die uns auszeichnet. Es ist unsere Menschlichkeit.




 

1) https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/nachhaltige-entwicklung/monet/alle-nach-themen/lebensbedingungen/gewaltdelikte.html

2) https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/nachhaltige-entwicklung/monet/alle-nach-themen/lebensbedingungen/suizidrate.html

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